Am Ende des Romans Anna Karenina wirft sich die unglückliche
Heldin vor einen herannahenden Zug. Aber dass sie es wirklich ernst meint,
wissen wir erst, als sie ihre Samthandtasche zuerst auf die Gleise schleudert.
Einer Frau, die ihrer Handtasche
überdrüssig ist, ist auch das Leben nichts mehr wert. was, außer vielleicht
ein Diebstahl, könnte uns so weit bringen, unsere beste Handtasche herzugeben?
Gezeichnet von Gebrauchsspuren, bis an den Rand voll
gestopft, vom Munde abgespart und geliebt wie ein eigenes Kind, ist eine Handtasche ein intimer, mit dem Körper
verwachsener Teil: eine Art zusätzliches Geschlechtsmerkmal. Ein Bauch für
Geheimnisse. Ein kleines Haus für unterwegs. Ein tragbares Boudoir, gefüllt mit
Lippenstiften und Haarklammern. Aufbewahrungsort für alte Briefe und Archiv für
zukünftige Generationen.
Der Inhalt einer alten Handtasche
liefert die verlässlichsten und ehrlichsten Zeitdokumente. So stieß z.B. der
Couture-Sammler Mark Walsh beim Öffnen einer Cartier-Tasche aus dem Jahr 1930 -
einst Besitz eines Showgirls - auf einen Parfümflakon, ein Heftchen
Puderblätter sowie ein Paar pinkfarbener Satinhöschen. Es ist die Kluft
zwischen dezent-respektablem Äußeren und intimem Innenleben, die der Handtasche die Aura einer sündigen
Schatzkammer verleiht, in der eine Frau ihre vielleicht letzten Geheimnisse
verbirgt.
Sich deshalb über die Handtasche
lustig zu machen, fällt nicht schwer, zumal die Begriffe, mit denen sie assoziiert
wird, mit Besitzergreifung und -Wahrung zu tun haben, wie z. B, Griff, Verschluss oder Schnappschloss. In der Literatur ist sie
häufig mit einer unangemessenen Symbolik behaftet. In der Erzählung »Die
Flucht« vergleicht Katherine Mansfield die Verängstigung eines Mannes
gegenüber seiner Frau damit, dass ihm ihr Täschchen wie »ein weit
aufgerissener, silbern-glänzender Schlund« erscheint. Entsprechend tragen Jungfrauen
und prüde Menschen ihre Taschen stets fest verschlossen. Albrecht Dürer
symbolisierte die Unberührtheit der Jungfrau Maria durch die geschlossene Tasche
Joachims. Psychiater sahen die Handtasche
stets misstrauisch als »vagina dentata«: den letzten Ort, der männlichen
Händen verschlossen bleibe. In Samuel Becketts Drama Glückliche Tage beherbergt
eine Tasche gar das gesamte Leben einer Frau
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